Tess Gerritsen

WÄHREND SIE SCHLIEF

Die Entstehungsgeschichte des neuen Romans Totenlied von Tess Gerritsen ist fast so mysteriös wie die Handlung selbst. Welche Rolle ein Albtraum dabei spielte und wieso sie unter die Komponisten gegangen ist, erzählt die Amerikanerin im Interview.

VON CHRISTIAN BÄRMANN


Tess Gerritsen Totenlied

FRAGE: Tess stimmt es, dass Ihnen die Inspiration für Totenlied im Schlaf kam?

TESS GERRITSEN: Ja, das ist tatsächlich passiert. Ich bin 2013 mit meinem Mann anlässlich meines 60. Geburtstags für eine Woche in Venedig gewesen – wo ich nachts einen Albtraum hatte: Ich spiele auf meiner Violine eine düstere und verstörende Melodie – während neben mir ein Baby mit rotglühenden Augen sitzt und sich in ein Monster verwandelt. Am Morgen bin ich aufgewacht und hatte bereits die erste Hälfte einer neuen Geschichte im Kopf.

FRAGE: Die Ursachen für einen Albtraum sollen ja in unverarbeiteten erlebten Dingen liegen. Können Sie sich vorstellen, warum sich gerade dieser Traum in Ihren Schlaf geschlichen hat?

TESS GERRITSEN: Ich habe zumindest eine Theorie: Meine Schwiegertochter war zu diesem Zeitpunkt schwanger, und weil es unser erstes Enkelkind ist, war ich besorgt, wie dieses Kind wohl werden würde. Vielleicht habe ich mich im Traum gefragt: Was ist, wenn das Baby ein Monster wird? (lacht)

FRAGE: Wobei die Prämisse nicht wirklich nach der Vorlage für einen Tess-Gerritsen-Roman klingt.

TESS GERRITSEN: Genau das war ja mein Problem mit diesem Traum. Schließlich möchte ich kein Horror-Buch schreiben. Und da meine Geschichten eine logische Auflösung haben müssen, habe ich lange überlegt, wie ich der Handlung einen wissenschaftlichen Hintergrund geben kann. Aber vertrauen Sie mir, den gibt es.

FRAGE: Wie hat Ihr Mann reagiert, als Sie ihm von dem Traum erzählt haben?

TESS GERRITSEN: Ach, der lebt nun schon so lange mit mir zusammen und weiß, dass ich diese ganzen verrückten Ideen habe. Der Rest der Geschichte offenbarte sich mir aber erst, als wir durch das jüdische Viertel gelaufen sind. Da wusste ich, dass sich die Handlung um Musik drehen würde. Denn in erster Linie geht es darum, wie ich Musik Liebe, Trauer und viele andere Dinge kommunizieren kann. Und dass sich Musiker untereinander verstehen, egal, wo sie in der Welt oder zu welcher Zeit sie leben.

FRAGE: Daher auch die beiden Handlungsstränge, die 70 Jahre voneinander getrennt sind?

TESS GERRITSEN: Ja, auf der einen Seite haben wir den italienischen Komponisten Lorenzo Todesco, der einen Walzer mit dem Titel „Incendio“ geschrieben hat. Auf der anderen Seite die Violinistin Julia aus Boston, die die Noten 70 Jahre später in Venedig kauft. Diese Musik weckt Gefühle in ihr, obwohl der Komponist, der diese Gefühle zum Teil seiner Musik gemacht hat, längst tot ist. Jedes Mal, wenn Julia den Walzer spielt, macht ihre dreijährige Tochter etwas Schreckliches. Da niemand die Taten des Mädchens mitbekommt, fragt sich Julia, ob sie verrückt wird, ob ihre Tochter diese Dinge wirklich macht oder ob etwas anderes geschieht?

FRAGE: Wie kamen Sie auf diese Idee?

TESS GERRITSEN: Nun, auch mein Traum drehte sich ja um Musik – und darum, wie Musik schreckliche Dinge kommuniziert oder vielleicht sogar Menschen bösartig macht. Diese Möglichkeit habe ich für meine Geschichte untersucht – ob Musik tatsächlich in der Lage ist, das Böse zu kommunizieren.

FRAGE: Ist Musik dazu in der Lage?

TESS GERRITSEN: Musik kann unser Gehirn in einer Weise beeinflussen, der wir uns nicht bewusst sind. Die Antworten zum Geheimnis des Buchs finden sich in der Neurobiologie. Ich glaube, dass Musik besser kommunizieren kann als die menschliche Stimme. Egal, wo man auf der Welt einen Akkord in der Tonart Moll hört, wird damit etwas Trauriges assoziiert. Und bei einem Akkord, dessen Noten ein wenig schrill sind, fühlt sich jeder unwohl. Musikalische Dissonanzen können eine beunruhigende Wirkung haben: Zwei Noten, die nicht zueinanderpassen, sorgen für musikalische Anspannung, und wenn diese durch einen harmonischeren Akkord aufgelöst wird, spürt der Zuhörer Erleichterung. Das ist ein wenig so wie die Auflösung eines Thrillers. Diese Technik habe ich auch bei der Komposition von „Incendio" angewandt.

FRAGE: Kann man Komponieren mit dem Schreiben von Romanen vergleichen?

TESS GERRITSEN: In gewisser Weise sogar sehr gut – wenn man das Hauptthema und den Plot in groben Zügen vor Augen hat. Zum Glück kann ich Violine und Klavier spielen, sodass ich auch die nötige Technik mitbringe. Denn bei „Incendio“ ist nicht nur die Melodie sehr wichtig, sondern auch die Harmonien, die begleitend auf dem Piano gespielt werden.

FRAGE: Wieso haben Sie den Drang verspürt, tatsächlich „Incendio" zu komponieren?

TESS GERRITSEN: Die Musik ist ein so wichtiger Teil der Geschichte, sodass ich sie im Roman sehr genau beschreiben musste – auch die technischen Aspekte, was ein gutes Violinenstück ausmacht, was es heißt, ein Violinist zu sein. Viele Violinisten haben ja beinahe eine persönliche Beziehung zu ihrem Musikinstrument und spüren diese auch oftmals sofort beim ersten Spielen. „Incendio" ist ein schwermütiger Walzer, dessen Melodie zwar verzaubert, sich aber in ein bösartiges Stück verwandelt – mit Akkorden, die im Mittelalter verboten waren, weil man glaubte, dass diese vom Teufel seien. Und während ich diese Komposition im Detail beschrieben habe, ist mir die Melodie offenbar „zu Kopf gestiegen''. So sehr, dass ich nach einem weiteren Traum aufgewacht bin und die Melodie im Kopf hatte.

FRAGE: Im Ernst - noch ein Traum?

TESS GERRITSEN: Ja, ich weiß, das klingt alles wie kompletter Mumpitz, und so recht glaubt es mir auch niemand, wenn ich die Geschichte erzähle – aber es ist wirklich so passiert! Ich konnte das erste Drittel des Stücks sofort am Klavier spielen – am Ende hat es dann aber doch sechs Wochen gedauert, um es fertigzustellen.

FRAGE: Aber die Parallelhandlung ist Ihnen nicht auch noch im Traum erschienen, oder?

TESS GERRITSEN: (lacht) Nein. Den modernen Teil der Geschichte um Julia habe ich zunächst für eine Novelle geschrieben, die nur in Holland erschienen ist. Doch dann spürte ich, dass ich einen ganzen Roman erzählen möchte. Und der fehlende Teil war die Geschichte um den jüdisch­italienischen Komponisten während des Zweiten Weltkriegs, die ich dann mit dem anderen Handlungsstrang verwoben habe.

FRAGE: Wie kamen Sie auf den fiktiven Komponisten?

TESS GERRITSEN: Diese Geschichte ergab sich im alten jüdischen Viertel von Venedig. Dort erinnern viele Denkmäler an die während des Zweiten Weltkriegs deportierten italienischen Juden. Eine Inschrift mit dem Namen und dem Alter der 246 getöteten Juden hat meine besondere Aufmerksamkeit geweckt, vor allem der Familienname Todesco – in diesem Namen habe ich meine Geschichte gesehen. Bei den Recherchen habe ich erfahren, dass etwa 80 Prozent der Juden in Italien den Krieg überlebt haben, und im Roman gehe ich auch darauf ein, wie das möglich gewesen war.

Interview: Christian Bärmann
erschienen im BÜCHERmagazin 5.2016