Tess Gerritsen

»Alle Menschen haben ein besonders emotionales Verhältnis zu Blut«

Die Thriller der amerikanischen Bestsellerautorin Tess Gerritsen stehen bei deutschen Lesern hoch im Kurs und schaffen regelmäßig den Sprung auf Spitzenplätze der Bestsellerlisten. Uli Deurer sprach mit Tess Gerritsen über das Schreiben und den großen Erfolg ihrer Thriller.

FRAGE: Sie haben lange Zeit in Ihrem Beruf als Ärztin gearbeitet. Was hat Sie dazu bewogen, professionell Bücher zu schreiben?

TESS GERRITSEN: Geschrieben habe ich eigentlich schon als Kind. Ich hatte wohl schon immer eine blühende Phantasie und habe gerne Geschichten erzählt. Ich bin dann Ärztin geworden und habe zwei Kinder bekommen. Sie können sich vorstellen, dass dabei nicht viel Zeit übrig bleibt. Aber ich wollte einfach alles schaffen, meinen Arztberuf ausüben, meine Aufgaben als Mutter erfüllen und außerdem noch schreiben. Das konnte nicht klappen. Deshalb habe ich mich entschieden, für eine Weile zu Hause bei meinen Kindern zu bleiben und zu schreiben. Ich war überglücklich, als es mir nach einigen Jahren gelang, veröffentlicht zu werden. So wurde ich Autorin.

FRAGE: Angefangen haben Sie mit Romantic Mysteries, bevor Sie sich den eher harten Stoffen gewidmet haben, mit denen Sie auch bei uns bekannt geworden sind. Nun ist der Krimimarkt in Deutschland nicht gerade arm an Büchern, die sich auf die eine oder andere Weise mit Serienmördern beschäftigen. Wie behauptet man sich gegen eine solch starke Konkurrenz?

TESS GERRITSEN: Eigentlich wollte ich gar keine Bücher mit Serienkillern schreiben. Aber eine meiner Leserinnen hat mich draufgebracht. Sie meinte, ich solle etwas schreiben mit einem Serienkiller und abgedrehtem Sex. Ich habe darüber nachgedacht. Und mir gesagt, du bist Ärztin, schreibe was mit Medizinern in den Hauptrollen, mache was, in das du deine beruflichen Erfahrungen einbringen kannst, dann wird es etwas Besonderes. Und was ist beunruhigend am Arztberuf? Ein Stoff, der mich nie in Ruhe gelassen hat: Blut. Was geschieht mit dem vielen Blut in den Arztpraxen, welche Geheimnisse birgt es? Blut gibt ja viele Auskünfte über den einzelnen Menschen: raucht er, nimmt er Drogen, ist die Spenderin des Blutes schwanger und vieles mehr. Und wer untersucht das Blut? Öffnet er das Reagenzglas und riecht daran? Erregt ihn der Umgang mit Blut? Fast alle Menschen haben ein ganz besonders emotionales Verhältnis zu Blut. Blut hat auch symbolischen Charakter. Das habe ich zum Beispiel zum Thema meines Romans Die Chirurgin gemacht.

FRAGE: Immer wieder werden Sie für die glaubhaften Charaktere Ihrer Hauptfiguren gelobt. Wie entstehen eigentlich Figuren wie Jane Rizzoli oder Maura Isles in Ihrem Kopf?

© Derek Henthorn

TESS GERRITSEN: Gelobt?(lacht) Es ist für mich wirklich sehr wichtig, dass man etwas über das Leben meiner Hauptfiguren erfährt. Aber ich plane die Entwicklung einer Figur oder Handlung nicht wirklich. Ich beginne ganz einfach mit einer Idee. Zum Beipiel dem Phänomen Blut in Die Chirurgin oder einer anderen Sache bei Schwesternmord. Bei der Autopsie der Leiche eines jungen Mannes ist mir plötzlich bewusst geworden, dass er das Alter meines Sohnes hatte. Mein Gott, dachte ich, was würde ich empfinden, wenn jemand vor meinen Augen obduziert wird, den ich kenne. So habe ich mir überlegt, wie es geschehen könnte, dass meine Heldin, die Pathologin Maura Isles, förmlich zusehen muss, wie sie selbst aufgeschnitten wird. So beginnt nun die Geschichte und ich kannte die weitere Entwicklung noch nicht, als ich das Buch schrieb.

FRAGE: Als Sie den Vorgänger Todsünde schrieben, hatten Sie den Plot für Schwesternmord also noch nicht im Kopf?

TESS GERRITSEN: Nein. Irgendwann in Todsünde erzählt Maura Isles, das Sie ein Adoptivkind ist und ihre wahren Eltern nicht kennt. Beim nächsten Buch habe ich mir dann überlegt, ob daraus nichts zu machen wäre. Nichts ist also wirklich geplant. Man weiß ja auch selbst nicht, was morgen mit einem geschieht und so geht es mir auch mit meinen Figuren. Ich halte die Geschichte in dieser Hinsicht offen ‐ alles kann passieren. Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass meine Helden eines Tages umgebracht werden könnten.

FRAGE: Welche Funktion hat die Schilderung von Grausamkeiten in Ihren Romanen?

TESS GERRITSEN: Nun - die Realität ist grausam. Vieles, was die Mörder im Roman tun, geschieht wirklich. Viele Leser werden denken, mein Gott, das ist doch krank, wer denkt sich so etwas aus. Aber Details der Morde in Der Meister zum Beispiel sind einer tatsächlichen Mordserie in Amerika nachempfunden.

FRAGE: Es geht Ihnen dabei nicht um die reine Schockwirkung?

TESS GERRITSEN: Nein. Ich glaube nicht, dass ich etwas beschreiben kann, was nicht schon einmal wirklich geschehen ist. Fiktion wird sehr häufig von der Realität überholt. Wenn Sie meine Romane genau lesen, merken Sie schnell, dass ich nie den Hergang eines Verbrechens beschreibe, sondern etwas anderes: die Rekonstruktion des Verbrechens durch die Arbeit der Polizistin und der Pathologin. Sie kommen an den Schauplatz des Verbrechens, sehen das Opfer, das Blut, und es ist ihre Aufgabe, den Tathergang zu rekonstruieren. Was der Leser also liest, ist das, was in den Köpfen der Ermittler vor sich geht. Durch den Gedankenprozess von Jane und Maura sieht der Leser die Tat geschehen. Natürlich erlebt der Leser dadurch die Gewalt mit. Ich zeige allerdings nur Menschen, die ihre Ermittlungsarbeit erledigen. In Die Chirurgin droht ein Mann im Operationsraum zu verbluten. Ich sehe das aus dem Blickwinkel der Ärztin: Wieviel Blut hat er bereits verloren? Welche Blutungen gilt es zu stillen?

FRAGE: Im Thriller spielt der Aufbau eines Spannungsbogens stets eine wichtige Rolle. Wie gehen Sie an dieses Problem heran?

TESS GERRITSEN: Es ist sehr schwierig. Ich muss vor allem die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des Lesers für mich gewinnen. Dazu brauche ich Konfliktsituationen. Keine Harmonie. Wann immer ich eine Szene konstruiere, bemühe ich mich darum, diese Konfliktsituationen zu schaffen. Auch wenn nichts Wichtiges in einer Passage geschieht, muss man stets daran arbeiten, dass sich diese Konflikte entwickeln. Dann kriegt man Aufmerksamkeit.

FRAGE: Ihre Heldinnen Jane Rizzoli und Maura Isles könnte man in ihrem Beruf als "starke Frauen" bezeichnen. Dennoch sind sie privat nicht die "supergirls", die sie beruflich zu sein scheinen, sondern sehr verletzlich. Warum haben diese Frauen genau diese "harten" Jobs gewählt?

TESS GERRITSEN: Jeder Mann und jede Frau sind verletzlich. Außerdem identifizieren wir uns nicht mit Supermenschen. Warum machen sie diese Jobs? Ich komme aus der Welt der Ärzte, für Frauen ein Biotop, weil sie dort als gleichwertig anerkannt werden. Polizistinnen sind anders. In dieser Welt, die immer noch, und vor allem in den USA, eine Welt der Männer ist, müssen sie sich und allen anderen etwas beweisen. Jane Rizzoli ist wie viele Polizistinnen, die ich getroffen habe. Sie erleben harte Zeiten und müssen sich durchsetzen.

FRAGE: Welche Funktion haben ihre männlichen Nebenfiguren? Männer haben in Ihren Romanen ihre großen Auftritte bisher nur als Killer. Bekommen die Männer noch ihre große Chance?

TESS GERRITSEN: Im nächsten Roman, der noch nicht ins Deutsche übersetzt ist, spielt zum Beispiel Janes Mann eine große Rolle. Nun, Barry Frost ist ganz einfach Janes Partner als Cop und Daniel Brophy hat, nun ja, eine sexuelle Funktion. Irgendwann wird schon irgendetwas zwischen ihm und Maura Isles passieren, aber ich weiß noch nicht genau, was. Frauen und Priester -- das hat doch was.

FRAGE: Wollen Sie Ihr Publikum in erster Linie unterhalten?

TESS GERRITSEN: Unterhaltung hat für mich höchste Priorität. Wenn niemand mein Buch lesen will, erfährt auch niemand, was ich eigentlich zu sagen habe.

FRAGE: Kann man als Thrillerautorin den Erfolg kalkulieren -- schreiben Sie für einen potentiellen Verkaufserfolg?

TESS GERRITSEN: Ich schreibe Bücher mit Ideen, die mich bewegen. Ich muss dabei sehr auf meine Gefühle achten. Es muss Freude machen zu schreiben. Wenn die Leser den Stoff dann nicht akzeptieren, dann schreibe ich so etwas womöglich nicht mehr. Aber zunächst muss ich es schreiben.

FRAGE: Welche Autoren aus dem Krimi- und Thrillerbereich lesen Sie selbst am liebsten?

TESS GERRITSEN: Ich lese nicht so viele Kriminalromane. Jeffery Deaver und Mo Hayder schätze ich sehr. Hayder schreibt sehr kraftvoll. Und ich mag das Autorenduo Preston/Child.

FRAGE: Tess, herzlichen Dank für das Gespräch.

Ulrich Deurer ist Angestellter eines Münchner Literaturverlags und freier Journalist.